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Statt „Krieg der Generationen“ den demografischen Wandel gestalten

Beitragvon Oliver » Do 6. Sep 2012, 12:55

Statt „Krieg der Generationen“ den demografischen Wandel gestalten


Das Schreckensszenario von der schrumpfenden Altenrepublik Deutschland verbaut den Blick auf die
Chancen der demografischen Entwicklung für Innovation und Wandel. Denn die Umkehr der Alterspyramide
– immer mehr alte und immer weniger junge Menschen – schafft Probleme, aber die wirtschaftlichen
und sozialen Auswirkungen sind berechenbar und gestaltbar. Darauf weist Prof. Dr. Franz Lehner,
Chef des Instituts Arbeit und Technik (IAT) der Fachhochschule Gelsenkirchen, in seinem Beitrag für die
aktuelle Ausgabe der Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie hin. Er geht der Frage nach, wie die Reaktionen
auf die demografische Entwicklung gestaltet werden können, damit sich möglichst günstige regionalwirtschaftliche
Auswirkungen ergeben.

Das Ruhrgebiet wird voraussichtlich bis zum Jahr 2010 über 250.000 Einwohner (fast die Gesamtbevölkerung
Gelsenkirchens) verlieren, bis 2015 mehr als 370.000 Einwohner (fast die Bevölkerung
Bochums) – das sind dann 7 Prozent, während im übrigen NRW die Schrumpfung bei lediglich 1,2 Prozent
liegt. Entsprechend verschiebt sich die Altersstruktur: 2015 wird es 1,3 Millionen unter 18-Jährige in der
Region geben, aber 1,67 Millionen über 55-Jährige – 2002 waren es 1,6 Millionen unter 18-Jährige und
1,5 Millionen über 55-Jährige.
Die Schrumpfung hat im Ruhrgebiet wesentlich früher als im Bund und NRW eingesetzt und eilt
der übrigen Entwicklung um etwa 25 Jahre voraus. Die „Völkerwanderung“ im Ruhrgebiet mit Wachstum
im Umland und Schrumpfung im Kernbereich hat zudem zu erheblichen sozialen und wirtschaftlichen
Verwerfungen geführt. „Diese Probleme qualifizieren das Ruhrgebiet aber auch als Modellregion, frühzeitig
Lösungen zu entwickeln und den anderen damit einen Schritt voraus zu sein“, meint PD Dr. Josef Hilbert,
Leiter des Forschungsschwerpunkts Gesundheitswirtschaft und Lebensqualität am IAT. Die Frage,
wie das Altern der Gesellschaft wirtschaftlich und sozial bewältigt werden kann, ist seit über zehn Jahren
ein zentrales Forschungsthema am IAT, das auch zu der vom Institut wissenschaftlich unterstützten Landesinitiative
Seniorenwirtschaft NRW geführt hat und das mittlerweile unter dem Stichwort „Silver Economy“
von einem Netzwerk von 15 Europäischen Regionen aufgegriffen wurde.
Die Seniorenwirtschaft ist ein Beispiel für eine innovative Reaktion auf die demografische Entwicklung,
durch die neue Wachstums- und Beschäftigungspotenziale entwickelt und für den Strukturwandel
im Ruhrgebiet nutzbar gemacht werden können. Maßgeschneiderte, innovative Angebote und Marketingkonzepte
für ältere Menschen sind (noch) eine „Marktlücke“. Zwar liegt die Region bezüglich der Hauhaltseinkommen
und des verfügbaren Einkommen älterer Menschen hinter den „reicheren“ Regionen des
Landes etwas zurück, verfügt aber allein schon durch Zahl und Dichte der Bevölkerung über attraktive
Potenziale für die Seniorenwirtschaft.
Dazu zählen so unterschiedliche Märkte wie Wohnen, Tourismus, Kosmetik, Gesundheit und Wellness,
Nahrungs- und Genussmittel, Freizeit und Unterhaltung, Bildung, Medien oder Finanzdienstleistungen.

In diesen Bereichen lassen sich erhebliche Wachstums- und Beschäftigungspotenziale ausschöpfen,
wenn die spezifischen Bedürfnisse der über 55-Jährigen systematisch berücksichtigt werden.
Der Ausbau der Seniorenwirtschaft könnte nach Berechnungen des IAT bis zum Jahre 2015 bis zu
130.000 neue Arbeitsplätze in Nordrhein-Westfalen schaffen, schätzt PD Dr. Josef Hilbert. Allein diese
können aber vermutlich die Abwanderung junger Menschen, die mit den Wohn- und Lebensbedingungen
in vielen Ruhrgebietsstädten unzufrieden sind, nicht stoppen. Auch bessere Randbedingungen wie gute
Kinderbetreuung, Infrastrukturen und Dienstleistungen für Familien, Integration von Bürgern ausländischer
Herkunft sind gestaltbar.

Franz Lehner: „Die Politik muss bedenken, dass eine Entwicklung, die besonders gut prognostizierbar
ist und deren Folgen auch früh absehbar sind, am Ende vor allem deshalb zu Problemen führt,
weil auf diese Entwicklung nicht rechtzeitig reagiert wurde!“

Literatur: Franz Lehner, 2006: Die Gestaltung des Wandels - Regionalwirtschaft und Demographie
im Ruhrgebiet. In: Zeitung für Wirtschaftsgeographie, 50. Jahrgang, 2006, Heft 3/4: Auf dem Weg zur
Metropole Ruhr? – Strukturwandel im Ruhrgebiet


(Claudia Braczko, Institut Arbeit und Technik am 17. Januar 2007)
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