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Naturerfahrungsräume auf kommunaler und regionaler Ebene als Beitrag zur Wohnqualität

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Naturerfahrungsräume auf kommunaler und regionaler Ebene als Beitrag zur Wohnqualität

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Naturerfahrungsräume auf kommunaler und regionaler Ebene als Beitrag zur Wohnqualität

Beitragvon Oliver » Mo 17. Sep 2012, 12:48

Naturerfahrungsräume auf kommunaler und regionaler Ebene als Beitrag zur Wohnqualität und zur touris

veröffentlicht in Band 21 der Schriftenreihe des Forschungszentrums für Umwelt und
Gesundheit (Hrsg.): Freizeit, Sport u. Tourismus in Deutschland - Beispiele für
nachhaltiges Management. GSF-Bericht 11/02, München 2002
Naturerfahrungsräume auf kommunaler und regionaler
Ebene als Beitrag zur Wohnqualität und zur touristischen
Wertschöpfung
Dr. Hans-Joachim Schemel




1. Nachhaltigkeit als Maßstab
In dieser Veranstaltung wird danach gefragt, welche Chancen und Konzepte es gibt, um
im Bereich "Freizeit, Sport und Tourismus" dem Prinzip der Nachhaltigkeit gerecht zu
werden. Wenn wir das manchmal schon allzu beliebig gebrauchte Wort "Nachhaltigkeit"
mit sinnvollem Inhalt füllen wollen, dann darf die als nachhaltig bezeichnete Form
der Nutzung nicht eindimensional (z.B. allein ökologisch oder allein wirtschaftlich)
begründet werden, sondern sie muss sich bekanntlich nach drei Seiten hin rechtfertigen
können:


- sie muss konkrete Bedürfnisse nach Nutzen/ Nützlichkeit erfüllen (die ökonomische
Komponente der Nachhaltigkeit),
- sie muss sozial vertretbar sein - also den Nutzen einer Interessengruppe nicht auf
Kosten anderer - schwächerer - gesellschaftlicher Gruppen durchsetzen - und
- sie muss umweltverträglich bzw. naturschutzfachlich sinnvoll sein - also die
natürlichen Ressourcen nicht auf Kosten zukünftiger Entwicklungschancen verbrauchen.


Dass und inwiefern das Konzept der neuen Flächenkategorie "Naturerfahrungsräume"
in seiner städtischen und ländlichen Ausprägung diese Voraussetzung erfüllt, möchte
ich Ihnen im folgenden darlegen. Bevor ich auf die beiden Konzept-Typen eingehe,
möchte ich deren Hintergrund beleuchten, genauer: die Gefahr, auf die das Konzept
"Naturerfahrungsraum" eine Antwort gibt.



2. Zum Verhältnis Mensch-Natur
Was "der" Mensch braucht, ist in dieser Allgemeinheit schwer zu beantworten. Es geht
dabei um die Befriedigung elementarer Bedürfnisse, die so wichtig sind, dass ihre
Mißachtung unsere physisch und psychisch gesunde Entwicklung behindert. Wissenschaftliche
Befunde weisen z.B. darauf hin, dass der Mensch Bewegung braucht und
dass bei Bewegungsmangel etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Osteoporose
drohen. Natürlich braucht der Mensch auch gesunde Nahrungsmittel, er braucht z.B.
auch Luft und Wasser frei von giftigen Stoffen. Was die Voraussetzungen für eine
psychisch gesunde Entwicklung anbelangt, so ist dazu zwar bisher relativ wenig
erforscht, jedoch gibt es auch dazu wissenschaftlich erhärtete Aussagen. Ein in diesem
Zusammenhang wichtiges Bedürfnis des Menschen ist die Möglichkeit zum Naturkontakt.
Schon vor etlichen Jahren hat der bekannte Psychologe Mitscherlich die
Bedeutung von Naturerfahrung im Blick auf die psychische Gesundheit erkannt: "Jeder
junge Mensch ... ist weitgehend ein triebbestimmtes Spielwesen. Er braucht deshalb
seinesgleichen, nämlich Tiere, überhaupt Elementares: Wasser, Dreck, Gebüsch,
Spielraum. Man kann ihn auch ohne das alles aufwachsen lassen, mit Teppichen,
Stofftieren oder auf asphaltierten Straßen und Höfen. Er überlebt es - doch man soll sich
dann nicht wundern, wenn er später bestimmte soziale Grundleistungen nie mehr
erlernt, z.B. ein Zugehörigkeitsgefühl zu einem Ort und Initiative. Um Schwung zu
haben, muss man sich von einem festen Ort abstoßen können, ein Gefühl der Sicherheit
erworben haben... Je weniger Freizügigkeit, je weniger Anschauung der Natur mit ihren
biologischen Prozessen, je weniger Kontaktanregung zur Befriedigung der Neugier,
desto weniger kann ein Mensch seine seelischen Fähigkeiten entfalten und mit seinem
inneren Triebgeschehen umzugehen lernen" (MITSCHERLICH 1965).

Laut PIPEREK
(1975) erleidet ein Mensch ohne hinreichende Stimulierung durch natürliche Umwelt
physische und psychische Schäden. Er nennt in diesem Zusammenhang z.B.
Konzentrationsstörungen, Kontaktarmut sowie Mangel an Selbstvertrauen und
Initiative. Der Zusammenhang von sinnlicher Naturerfahrung und Gesundheit ist
inzwischen von zahlreichen Wissenschaftlern der Pädagogik, der Psychologie und
Anthropologie bestätigt worden (vgl. zusammenfassend U. GEBHARD 2000).
Wir erleben zur Zeit eine starke Tendenz der Entfremdung von der Natur, wenn z.B.
Kinder und Jugendliche immer mehr ihrer freien Zeit vor dem Fernseher oder mit
Computerspielen verbringen und in einer städtischen Umgebung nur noch mit technisch
geprägten Umwelten aufwachsen. Was in früheren Jahrzehnten noch selbstverständlich
war - nämlich wild wuchernde Brachflächen in Städten und Dörfern als Spielraum für
Kinder - gibt es heute kaum noch. Solche naturnahen Räume sind entweder Verkehrsund
Bauflächen gewichen oder wurden in sauber gepflegte und gestaltete Grünanlagen,
mit Geräten ausgestatteten Spielplätze und sonstige naturferne Freiräume umgewandelt.


Die wenigen verbliebenen naturnahen Räume stehen in aller Regel unter Naturschutz,
können also nur auf Wegen und mit anderen Einschränkungen genutzt bzw. betreten
werden.
Bei Kindern und Jugendlichen, aber auch bei Erwachsenen besteht ein starkes Bedürfnis
nach Kontrast zu den Zwängen des (Schul-) Alltags und zu den lebensfeindlichen, von
Technik beherrschten Lebenssituationen in unseren Städten. Eine "wilde Natur" (im
Gegensatz zur gestalteten und mit Geräten ausgestatteten Grünanlage) kommt einem
solchen Kontrastbedürfnis entgegen. Sie bietet die Erfahrung von Ursprünglichkeit.
Vielfach ist dieses Bedürfnis nur noch latent vorhanden, wird vielleicht nur noch in der
Werbung oder in Phantasiewelten ("virtual reality") ausgelebt.
Wie auch immer eine Entfremdung des Menschen von der Natur entstanden sein mag:
zu ihrer Überwindung ist es besonders wichtig, daß schon in der Kindheit die Gelegenheit
des unmittelbaren Kontakts mit naturnahen Räumen geboten wird. Das Konzept des
Naturerfahrungsraumes zeigt Möglichkeiten auf, Natur außerhalb von Schutzgebieten
(also weitgehend unreglementiert) zu erleben, damit elementare Bedürfnisse nach
Naturkontakt befriedigt werden und sich eine positive emotionale Verbindung zur Natur
entwickeln kann (ausführlich dazu SCHEMEL,H.J. u.a. 1998).



3. Das Konzept der neuen Flächenkategorie "Naturerfahrungsraum"
Naturerfahrungsräume sind naturnahe Bereiche mit dem Vorrang nachhaltiger
Erholungsaktivitäten. Hier sind Ziele des Naturschutzes mit solchen der Erholung eng
verbunden.
Den Begriffen "Naturnähe" und "Natur" kommt im Konzept des Naturerfahrungsraumes
eine zentrale Bedeutung zu. Sie werden hier aus dem Blickwinkel des Erfahrens und
Erlebens von städtischen Freiräumen bzw. Landschaften verstanden. Es geht um
Räume, die als wild (ungestaltet) oder natürlich empfunden werden. Sie wirken auf den
Erholungsuchenden als von Nutzungszwecken weitgehend freie, ursprüngliche Natur.

Unter diese Wahrnehmung fallen Bereiche, die sich entweder völlig nutzungsfrei
entwickeln (natürliche Sukzession, "Urwald" bzw. zurückhaltende Landschaftspflege)
oder die einer nur extensiven - bäuerlichen bzw. waldbaulichen - Nutzung unterliegen
und dabei den Gesamteindruck der Naturnähe - im Sinne des Fehlens dominanter
Nutzungsspuren des Menschen - hervorrufen. Von naturnahen Räumen oder "Natur" im
hier verstandenen Sinne unterscheiden sich deutlich gestaltete Grünanlagen im
Siedlungsbereich und die übliche - überwiegend intensiv genutzte - Kulturlandschaft.

Der Dachbegriff "Naturerfahrungsräume" umfaßt eine Vielfalt von Erholungsformen
und Raumtypen, die sich grob nach drei Konzepten unterscheiden lassen (siehe
Tabelle):

Die Naturerfahrung innerhalb von Schutzgebieten (Typ I) ist heute schon in den
Nationalparken und sonstigen Großschutzgebieten möglich. Hier müssen sich
Erholungsaktivitäten dem Vorrang des Biotop- und Artenschutzes unterordnen und
können nur auf kleinen, belastbaren Teilflächen ausgeübt werden (Besucherlenkung).

Ziel ist es, in diesem Rahmen den Besucher an die Natur heranzuführen, ihn zu
informieren und pädagogisch zu betreuen, um ihn mit ökologischen Zusammenhängen
vertraut zu machen und Einsicht in den Sinn von Naturschutz zu wecken.
Im folgenden werde ich nur auf die beiden neu konzipierten Raumtypen außerhalb von
streng geschützten Gebieten eingehen: auf den ländlichen und den städtischen Naturerfahrungsraum
(NER-Typen II und III siehe Tabelle).
Naturerfahrungsräume der Typen II und III wollen eine doppelte Freiheit realisieren.
Neben der freien (nicht durch bestimmte Nutzungen dominierten bzw. gestalteten)
Natur spielt hier auch die freie Begegnung mit der Natur eine zentrale Rolle, d.h. die
Begegnung mit Natur sollte möglichst ohne Verbotsschranken - z.B. auch abseits von
Wegen - geschehen können. Daher werden sie außerhalb von streng geschützten
Gebieten ausgewiesen, weil in diesen Gebieten der Vorrang des Naturschutzes die
Möglichkeiten des aktiven Erlebens von Natur deutlich begrenzen würde.



3.1 Ländliche Naturerfahrungsräume als inszenierte Teile der Kulturlandschaft
Die relativ großräumigen, mindestens 100 Hektar (1 qkm) großen Naturerfahrungsräume
in der Kulturlandschaft sind konzipiert als Teil des regionalen touristischen
Angebots, das die potentiellen Besucher mit der Attraktion "Natur und vielfältige
Kulturlandschaft" anspricht. Die ländlichen Naturerfahrungsräume werden entweder in
Richtung auf eine reichere Strukturierung der offenen Kulturlandschaft (z.B. mit
traditionellen und kulturhistorisch bedeutsamen Nutzungsformen) oder im Bereich der
Wälder in Richtung auf einen Urwaldcharakter entwickelt.
Land- und forstwirtschaftlich bisher intensiv genutzte und relativ monoton wirkende
Bereiche werden extensiviert oder ganz aus der Nutzung genommen. Dadurch werden
die offenen und bewaldeten Teile der Landschaft im Naturerfahrungsraum sowohl
hinsichtlich ihrer Erlebnisqualität als auch hinsichtlich ihrer ökologischer Vielfalt
erheblich aufgewertet.
Es werden Höhepunkte in der Landschaft geschaffen, die nicht in erster Linie auf
Infrastruktur, sondern vor allem auf das Erleben von vielfältiger, interessanter
Landschaft setzen. Daß z.B. Urwaldbereiche eine hohe Anziehungskraft auf Besucher
ausüben, wissen wir aus den Nationalparken. Solche Urwaldbereiche können auch
außerhalb von Schutzgebieten entwickelt werden: als touristische Attraktion, gekoppelt
z.B. mit einem Wildpark und ähnlichen zur Wildnis oder zu traditionellen bäuerlichen /
waldbaulichen Nutzungsformen passenden Angeboten. Die Infrastruktur hat hier
lediglich dienende Funktion. In den Naturerfahrungsräumen werden sanfte Formen der
Erholung (ohne Motorantrieb) zugelassen, z.B. das Durchstreifen und Entdecken von
"Wildnis" auch abseits von Wegen und Pfaden, die Ausübung von Natursportarten, das
Biwakieren. Solche unreglementierten Aktivitäten sind weder in der "normalen"
Kulturlandschaft noch in Naturschutzgebieten oder Großschutzgebieten erlaubt.
In Naturerfahrungsräumen dagegen ist der unmittelbare lustbetonte Naturkontakt
möglich und erwünscht. Hier kann die belastbare Landschaft ohne schlechtes Gewissen
genutzt werden. Das schafft (quasi "nebenbei") die Voraussetzung dafür, daß der
Mensch diese "Gebrauchslandschaft" lieben und schätzen lernt. Durch planerische
(unmerkliche) Steuerung kann leicht verhindert werden, daß hier ein (allzu schnell als
Schreckgespenst an die Wand gemalter) "Rummel" entsteht. Die durch die
Erholungsaktivitäten verursachten geringfügigen Landschaftsbelastungen werden durch
die Maßnahmen der ökologischen Aufwertung mehr als nur kompensiert.
Heute scheitert die Realisierung solcher extensiven bis naturnahen Landschaftsformen
in aller Regel an den Nutzungsinteressen der Land- und Forstwirtschaft. Die neue
Flächenkategorie versteht sich als Mittel der touristischen Wertschöpfung, baut somit
auf das (wirtschaftliche) Interesse des Tourismus, der mit dem Angebot solcher Naturerfahrungsräume
die Attraktivität der Region steigern kann. Wenn Naturschutz und
Tourismus hier "am gleichen Strang" ziehen, können die durch Nutzungsverzichte
bedingten Ertragseinbußen der Land- und Forstwirtschaft nicht nur aufgefangen,
sondern überkompensiert werden. Dazu tragen auch Mittel des Naturschutzes und der
Landschaftspflege bei (bestehende Förderprogramme). Insgesamt ist somit eine
touristische Wertschöpfung zu erwarten, die der bisherigen land- und forstwirtschaftlichen
überlegen ist, sofern der Naturerfahrungsraum die Natur-Erlebnisbedürfnisse
potentieller Besucher gekonnt anspricht und in ein touristische Gesamtkonzeption der
Region eingebettet ist.

3.2 Städtische Naturerfahrungsräume als wohnungsnahes Angebot für Spiel und
Bewegung
Diese relativ kleinräumigen, ca. 2 Hektar großen Naturerfahrungsräume sind auf
Wohnquartiere bezogen und leicht zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichbar. Sie bieten
Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit, in ihrem alltäglichen Erfahrungsraum Natur
zu erleben, eine Natur, die in unseren Städten heute kaum noch vorkommt - verdrängt
durch Baugebiete, Verkehrsflächen und intensiv gestaltete Grünanlagen. Wo naturnahe
Bereiche innerhalb der Stadtgrenzen noch anzutreffen sind, stehen sie heute in aller
Regel unter Natur- bzw. Biotopschutz, können also nicht unreglementiert für Spiel und
Bewegung genutzt werden.
Bei den städtischen Naturerfahrungsräumen handelt es sich um ungenutzte Bereiche, die
als "wilder", naturnaher Spiel- und Bewegungsraum zur Verfügung stehen: Baulücken,
undurchdringliches Dickicht ("Urwald"), Gewässer, Wechsel von bewaldeten und
offenen Bereichen, vielleicht mit altem Gemäuer. Naturerfahrungsräume müssen für
Kinder und Jugendliche interessant sein. Das bedeutet: In manchen Fällen ist eine
Anfangsgestaltung notwendig, wenn z.B. eine bestehende ebene, relativ monoton
wirkende Acker- oder Grünlandfläche, die ein Naturerfahrungsraum werden soll, eine
bewegte Geländeform erhält oder ein verrohrter Bach an die Oberfläche geholt wird.
Nach Schaffung dieser "Initialgestalt" wird die Fläche in Teilen sich selbst überlassen
(natürliche Sukzession) und in anderen Teilen extensiv gepflegt (z.B. durch einmalig
Maht pro Jahr oder durch Beweidung).
Auch hier gilt der Grundsatz, daß die Spielaktivitäten der Kinder und Jugendlichen so
wenig wie irgend möglich reglementiert werden. Eine Ausstattung mit Geräten oder
ähnlicher Freizeitinfrastruktur findet nicht statt, auch sind motorisierte Antriebe ausgeschlossen,
die Wege unbefestigt. Auf diesen naturnahen Flächen soll in erster Linie
unbeaufsichtigtes Spielen von Kindern und Jugendlichen ohne pädagogische Betreuung
stattfinden können. Das schließt nicht aus, daß solche Bereiche von Lehrern mit ihren
Schülern auch als außerschulische Lernorte genutzt werden.
Im Rahmen der kommunalen Bauleitplanung ist jeder Quadratmeter des Gemeindegebietes
mit einer oder mehreren Funktionen belegt. Es gibt keine nicht-überplanten
Bereiche. Wenn wir im besiedelten Raum "ungenutzte" Brachflächen sehen, die nicht
als Baugebiete ausgewiesen sind, dann zählen diese Flächen entweder zum Bauerwartungsland
oder sie sind in ihrer zukünftigen Funktion anderweitig festgelegt (z.B. als
Landwirtschaftsfläche oder als Grünfläche). Brachflächen sind also immer nur vorübergehende
Erscheinungen, sofern sie nicht unter Naturschutz stehen. Kinder, die solche
Brachflächen als Spielraum nutzen, werden also unausweichlich enttäuscht, weil
entweder die Brachflächen früher oder später in Nutzflächen umgewandelt werden, oder
weil in Schutzgebieten unreglementiertes Spielen (z.B. mit dem Mountainbike fahren)
nicht erlaubt ist. Die neue Flächenkategorie des städtischen Naturerfahrungsraums
sichert den Kindern und Jugendlichen die Brachfläche auf Dauer.




Wozu Naturerfahrungsräume in Städten?

• Sie bieten Kindern und Jugendlichen Gelegenheiten zur Bewegung in naturnahen,
erlebnisreichen Räumen
• Sie können Kinder und Jugendliche von der häuslichen Beschäftigung mit Fernsehen
und Computerspielen "weglocken". Durch mehr Bewegung im Freien wird die
gesunde Entwicklung von Körper und Psyche gefördert
• Durch den Verzicht auf Spielgeräte und sonstige technische Vorgaben wird die
Phantasie, die Kreativität und die Bewegungskompetenz der Kinder und Jugendlichen
angeregt
• Die "wilde" Natur kommt dem Entdeckungsdrang, der Abenteuerlust, der Freude an
unbeaufsichtigtem und unreglementiertem Tun entgegen.
• Durch die unebenen, teilweise überraschenden Geländeformen (mit Löchern,
dichtem Gestrüpp, "Kletter"-Bäumen und Wasserpfützen) wird Aufmerksamkeit
gelernt und der Umgang mit "natürlichen Risiken" geübt (Achtsamkeit und Körperbewußtsein)
• Durch den spielerischen, lustvollen Aufenthalt in naturnaher Umgebung werden -
ohne Belehrung - Interesse an und emotionale Verbundenheit mit Natur geweckt
und verankert.

Bei der Ausweisung eines städtischen Naturerfahrungsraumes werden entweder
bestehende Brachflächen vor Überbauung oder einer sonstigen drohenden Intensivnutzung
geschützt, oder bisher intensive Nutzungen (z.B. Acker, Forst, Gewerbebrache,
Abgrabungsgebiet) werden umgewandelt (extensiviert) und der neuen Funktion
zugeführt.


Naturerfahrungsräume in der Stadt erhöhen die Wohnqualität. Sie bieten Räume, die
den elementaren Bedürfnissen Heranwachsender entgegenkommen und der gesunden
Entwicklung ihres Körpers und ihrer Seele dienen. Dass dabei auch die Belange des
Naturschutzes vorangebracht werden, ist ein positiver Nebeneffekt.
Wichtig ist die Bürgernähe bei der Planung und Gestaltung eines Naturerfahrungsraumes.
"Natur um die Ecke" wird nicht "von oben" verordnet, sondern "von unten" (z.B.
von Eltern) eingefordert. Für Agenda-Initiativen und andere Bürgergruppen, die sich für
Kinder, Jugend, Familie, Umwelt, Gesundheit und Sport sowie für die Stadt- und
Grünentwicklung engagieren, ebenso für städtische Ämter mit entsprechenden Zuständigkeiten
ergibt sich hier ein lohnendes Betätigungsfeld, bei dem es darauf ankommt,
dass alle an einem Strang ziehen.
Zur Zeit arbeiten wir im Auftrag der Stiftung Naturschutzfonds Baden-Württemberg an
einem zweijährigen Projekt, bei dem wir in vier Städten die neue Flächenkategorie
erproben. Naturerfahrungsräume werden geschaffen und dabei wird systematisch
beobachtet, wie dieses neue Angebot von den Heranwachsenden und Eltern angenommen
wird. Auch die beim Prozess der Bürgerbeteiligung und Planung gesammelten
Erfahrungen werden ausgewertet.



4. Schlussbemerkung
Um die am Anfang genannten Maßstäbe der Nachhaltigkeit auf das Konzept der
Naturerfahrungsräume (NER) zu beziehen, ist festzuhalten:
Naturerfahrungsräume erfüllen konkrete Nutzenerwartungen,
- indem sie die Chancen für Erholung in der Stadt bzw. Tourismus in der Region
erweitern bzw. erhöhen
- und damit die Wohnqualität in der Kommune bzw. die touristische Wertschöpfung
in der Region steigern.
Naturerfahrungsräume sind sozial erwünscht
- weil sie - im Falle des städtischen NER - bisher vernachlässigte elementare Bedürfnisse
von Kindern und Jugendlichen nach unreglementierter Bewegung in der Natur
erfüllen
- weil die Steigerung von Wohnqualität und die touristische Wertschöpfung einem
breiten Personenkreis zugute kommt
- weil die Planung und Gestaltung von NER unter ausdrücklicher Einbeziehung von
Bürgern geschieht (im städtischen NER: speziell der Eltern und Kinder im Wohnquartier,
im ländlichen NER: Bürger, Umweltverbände, touristische Interessenträger,
Landnutzer der Region)
Naturerfahrungsräume sind aus Sicht von Umwelt- und Naturschutz erwünscht,
- weil sie den ökologischen Wert (speziell die Biodiversität) auf dem NER-Areal
dauerhaft erhöhen,
- weil sie zu einer emotionalen Verbundenheit mit Natur führen, die weit über das
rein kognitive Verstehen hinausgeht,
- und dadurch langfristig zu einem sensibleren Verhältnis Mensch-Natur und damit
auch zu einem wacheren Umweltbewusstsein beitragen,
- weil sie die Belange von Naturschutz und Erholung auf diesen Flächen optimal
miteinander verknüpfen und damit auch die Akzeptanz von Naturschutz erhöhen.




Literatur
Gebhard, U.: Kind und Natur. Die Bedeutung der Natur für die psychische Entwicklung.
Opladen 1994
Mitscherlich, A.: Die Unwirtlichkeit unserer Städte. - Frankfurt/M. 1965
Piperek, M.: Umweltpsychohygiene, Wohn- und Baupsychologie. Wien 1975
Schemel, H.J. u.a.: Naturerfahrungsräume. H. 19 der Reihe “Angewandte Landschaftsökologie”,
Bundesamt f. Naturschutz (Hrsg.), Bonn-Bad Godesberg 1998
Schemel, H.J. / Strasdas, W.: Bewegungsraum Stadt - Bausteine zur Schaffung umweltfreundlicher
Sport- und Spielgelegenheiten. Meyer+Meyer Verl. Aachen 1998
Schemel, H.J.: Erleben von Natur in der Stadt. In : Zeitschrift für Erlebnispädagogik,
H.12, Institut für Erlebnispädagogik Lüneburg (Hrsg.), 2001, S. 3-13
Zucchi, H.: Naturentfremdung bei Kindern und was wie entgegensetzen müssen. In:
Planung contra Evolution? Bd. 5 der Reihe Natur- und Kulturlandschaft, Gerken/Görner
Hrsg., Höxter/ Jena 2002, S. 135-152
Dr. Hans-Joachim Schemel
Büro für Umweltforschung, Stadt- und Regionalentwicklung
Altostr. 111
D-81249 München
Tel.: 089 / 863 29 71
Email: SchemelHJ@aol.com
Internet: http://www.umweltbuero-schemel.de
Der Naturerfahrungsraum (NER) ist ein naturnahes Gebiet mit dem Vorrang nachhaltiger Formen des Landschaftserlebens.
Es gibt drei Typen von NER, die unterschiedlichen Konzepten folgen. Mit den Typen II und III wird im Vergleich zur Ausgangssituation eine ökologische
Aufwertung erzielt.
Flächenkategorie: Naturerfahrungsraum (NER)
NER-Typen Konzept
Größe Charakter Zielgruppe pädagogische
Betreuung
Reglementierung
NER in Schutzgebieten
(TYP I)
kleinräumig
(1-5 ha)
integriert in einen Bereich
mit hoher Schutzwürdigkeit
und geringer
ökologischer Belastbarkeit,
Teilflächen belastbar
vorrangig Erwachsene Information und pädagogische
Anleitung,
Aufklärung über
Schutzziele, evtl. Besucherzentrum
stark reglementiert, Einschränkung
und Lenkung
der Besucher
ländlicher NER
(TYP II)
großräumig
(mindestens 100 ha)
ökologisch belastbar,
hoher Flächenanteil mit
historischen/traditionellen
Nutzungsformen
und/oder nutzungsfrei
("Urwald")
vorrangig Erwachsene
und Jugendliche
Information und pädagogische
Anleitung
sinnvoll, aber nicht
erforderlich, evt. Besucherzentrum
kein Wegegebot, unmerkliche
Besucherlenkung
städtischer NER
(Typ III)
kleinräumig
(2-10 ha)
ökologisch belastbarer,
wohnungsnaher Spielund
Bewegungsraum,
weitgehend natürliche
Sukzession, extensive
Pflege auf Teilflächen,
keine Infrastruktur (z.B.
Geräte)
vorrangig Kinder und
Jugendliche
keine pädagogische
Betreuung außerhalb
der Schulzeit, nur Information
über Sinn und
Zweck des NER
kein Wegegebot, unreglementiert
(nur Sicherung
des NER-Charakters)
Überblick über die Konzepte der drei NER-Typen (aus SCHEMEL u.a. 1998)
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