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Mangelernährung: Knurrende Mägen im Schlaraffenland

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Mangelernährung: Knurrende Mägen im Schlaraffenland

Mangelernährung: Knurrende Mägen im Schlaraffenland

Beitragvon Oliver » So 9. Sep 2012, 00:56

Mangelernährung: Knurrende Mägen im Schlaraffenland


Die Kinder zu dick, die Fettwerte zu hoch – allerorten kämpfen die Deutschen gegen überflüssige Pfunde.
Aber es gibt auch immer mehr Menschen, die froh sind, wenn sie genug zu essen bekommen. Viele Experten
sind sich einig: Es gibt knurrende Mägen im „Schlaraffenland“ Deutschland. Von Mangel- oder
Unterernährung betroffen sind nach einer Studie der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin
(DGEM) vor allem Arme, Alte und Kranke – aber auch Kinder mit Behinderung. Ein Grund sind Einsparungen
im Gesundheitswesen und der Pflegenotstand. In Pflegeheimen etwa fehlt laut Ernährungsexperten
gelegentlich das Personal, um Alte und Behinderte so lange zu füttern, bis sie satt sind. Und im ganzen
Land steigt die Zahl der Menschen, die am Existenzminimum leben. Das merken vor allem Wohlfahrtsverbände
und helfende Vereine.


„Wir können nicht alle unterstützen“

Sie kommen mit großen Tüten, warten geduldig in der Schlange: Dutzende Menschen, Alte und Junge,
Akademiker und Ungelernte stehen für Lebensmittel an, die andere nicht mehr kaufen wollen und die
sonst weggeworfen würden. Rund 13.000 Menschen versorgt die „Münchner Tafel“ jede Woche, Hilfe
brauchten aber zehnmal so viele, glaubt Organisator Reiner Raab. „Wir werden ständig angerufen, aber
wir können nicht alle unterstützen.“
Ähnlich geht es der Caritas im Stadtteil Laim. Die Fragen nach Lebensmitteln seien gestiegen, aber
aus vielen unterschiedlichen Gründen, etwa durch Verzögerungen bei der Auszahlung des Arbeitslosengeldes
im Rahmen von Hartz IV, berichtet Sozialpädagogin Brigitte Sobetzko. „Ich würde den Ausdruck
‚Hunger’ nicht benutzen wollen, der gehört wirklich in die Dritte Welt. Aber Armut, die gibt es.“


Manchem steht die Scham ins Gesicht geschrieben

Auch die Suppenküchen melden verstärkten Andrang. „Der Personenkreis ist in der letzten Zeit weiter
geworden“, sagt Franz Herzog, Sozialarbeiter in der Teestube „Komm“ des evangelischen Hilfswerkes
München. Darunter seien neuerdings auch gepflegt gekleidete Menschen, manchem stehe die Scham ins
Gesicht geschrieben. „Man sieht Leute, die sehr viel sehr schnell in sich hineinschaufeln – um dann
schnell wieder zu gehen.“
Ein Rollstuhlfahrer wühlt in der Münchner Innenstadt unweit des Marienplatzes in einem Abfalleimer.
Mit einem Pappbecher und einer Tüte rollt er beiseite, verzehrt den Inhalt. Ein junges Pärchen
macht sich nach Geschäftsschluss an den Containern im Hinterhof eines Lebensmittelmarktes zu schaffen,
mit vollen Plastiktüten und gesenkten Blicken verlassen die beiden den Hof. „In der Stadt sind immer
mehr Menschen zu beobachten, die in Mülleimern nach Essen suchen“, resümiert Herzog.


Besonders gefährdet: Ältere Menschen und chronisch kranke Kinder

Einig sind sich Sozialarbeiter und Ernährungswissenschaftler, dass in Deutschland niemand verhungern
muss. Mangelernährung sei jedoch ein Problem. Wer wenig Geld hat, kauft Billig-Lebensmittel. Frisches
Gemüse und Obst, Fisch und Fleisch kommen nicht auf den Tisch. Die Mängel reichen von Untergewicht
über Vitaminmangel bis hin zu Defiziten im Mineralstoffhaushalt. Mögliche Folgen sind Abwehrschwäche,
Müdigkeit, gehäufte Infektionen, schlechtere Wundheilung und mangelnde Ausdauer.
Besonders betroffen sind Kranke und Alte. Nach einer DGEM-Studie sind in Deutschland 20 bis 30
Prozent aller Krankenhauspatienten unterernährt, bei den über 70-Jährigen ist es sogar jeder Zweite.
Gründe seien neben organischen Krankheiten Appetitmangel, schlechte Zähne, aber auch Depressionen
und Einsamkeit. Vielfach kämen die Patienten aus Pflegeheimen. „Oft können sie selbst nicht genug essen,
und es fehlt an Personal, um die Menschen zu füttern“, erläutert DGEM-Präsident Prof. Berthold Koletzko.
Ein „erschreckend hohes“ Maß an Unterernährung sei bei kranken Kindern festgestellt worden. Im
Haunerschen Kinderspital in München sei jedes vierte Kind bei der Aufnahme untergewichtig gewesen.
Relativ viele der kleinen Patienten seien chronisch krank oder behindert. „Es ist oft schwierig, diese Kinder
ausreichend mit Nahrung zu versorgen“, erklärt Koletzko. Ein Teil leide tatsächlich Hunger. Dies äußere
sich etwa in Unruhe, die aber oft nicht richtig gedeutet werde. Vielfach genüge es, nährstoffreiche
Spezialnahrung zu geben, notfalls durch eine Sonde.
Ein „Skandal“ sei der Beschluss des Bundesausschusses der Ärzte und Krankenkassen vom 19.
Juli, der die Erstattung einer Sondenernährung bei vielen Patienten künftig ausschließe. „Dies würde bei
vielen schwer und chronisch Kranken die erforderliche Ernährungstherapie nicht mehr ermöglichen.“
Rund 100.000 Menschen seien in Deutschland auf Sondenernährung angewiesen.


(dpa/GesundheitPro.de vom 10. August 2005)
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